Edith Tar

 

Geboren in Biela, Kreis Tetschen-Bodenbach, heute Tschechische Republik. Aufgewachsen in Lucka, Thüringen, nach Schulabschluss Berufsausbildung und Abitur. Studium im Fach Fotografik an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig 1976 mit Diplom abgeschlossen. Seitdem freiberuflich als Künstlerin in Leipzig und verschiedenen Orten Europas tätig, bis 1992 auch in ihrem Berliner Atelier am Prenzlauer Berg.

 

Zusammenarbeit mit dem Dichter, Zeichner, Performer und Videokünstler Radjo Monk seit 1987.

 

Erweiterung des Kunstbegriffes nach 1990; zuvor lag der Schwerpunkt auf der fotografischen Arbeit in den Genres Portrait, Landschaft und Reportage. Ausstellungen waren stets Anlass, mit Präsentationsformen zu experimentieren, Schrift und Grafik einzubeziehen, visuelle Konstrukte mit akustischen Ebenen zu koppeln.

 

Manifestation der Ideenwelt in den 1990er Jahren u.a. in der Öko-Performance memento vivere, realisiert im Tagebau Markkleeberg und begleitet von einer intensiven Auseinander-setzung mit den Möglichkeiten der landart. Eine wichtige Erweiterung spiegelt sich im schon erwähnten Langzeitprojekt Der Revolutionstisch – Eine Soziale Plastik, das im Herbst 1990 in Glasgow mit 30 LeipzigerInnen Premiere hatte. Ein weiteres Beispiel ist das Rechercheprojekt Wurzeln Europas/der Gral, dessen Ergebnisse in zahlreiche Ausstellungen, Filme und Events eingeflossen sind. Ab Ende der 90er Jahre kam es erneut zu einer Konzentration auf fotografische Projekte als Serien, die in sich abgeschlossen realisiert wurden.

 

Die Palette von Werkzeugen, Formen und Techniken hat sich stetig erweitert. Zu Fotografie und Installation kam u.a. der Videofilm, wobei ihr Schwerpunkt auf Regie und Kamera liegt. In den letzten 12 Jahren entstanden viele Projekte in intermedialer Verschränkung und oft in intensiver Zusammenarbeit mit Radjo Monk.

 

 

Reisen und Arbeitsaufenthalte führten vor 1989 in die Sowjetunion und in die osteu-ropäischen Länder und stehen auch nach 1990 in enger Wechselwirkung mit dem Gesamtschaffen. 1994-95 Wohnung in Feldafing, geisteswissenschaftliche Studien in München. Von dort aus Studienreisen nach Italien, Österreich, Schweiz, Irland, Griechenland, Tschechien und Kroatien. 1996-2018 Arbeitsaufenthalte in England, Spanien, Frankreich, Israel, Polen, Schweden, Malta, Russland sowie an verschiedenen Orten in Deutschland. Hervorzuheben ist Mallorca als temporärer Schaffensmittelpunkt zwischen 2000 und 2001 mit der Arbeit an Mare Nostrum. Entscheidenden Einfluß auf das Werk hatten seit 2004 wiederholte Reisen und Arbeitsaufenthalte in verschiedene Regionen der Alpen zur Arbeit am Konzept Die Heiligen Berge, das 2015 im Berchtesgadener Land mit nelly@obersalzberg.de einen Abschluss gefunden hat. Ruhe und Sammlungspunkt ist seit 1987 eine Klause im Thüringer Wald, wo Projekte entwickelt werden oder auch ihren letzten Schliff bekommen.

 

 

Kommunikative Aktionsfelder bilden eine zentrale und produktive Schnittstelle zwischen Biografie und den diversen Arbeitsgebieten, die verspannt sind mit dem von Joseph Beuys in die moderne Kunst eingeführten Begriff der „Sozialen Plastik“. So zieht sich beispielsweise das  Langzeitprojekt Der Revolutionstisch - Eine Soziale Plastik seit 1990 durch das Gesamtwerk und tangiert andere Werkstränge wie das Archivprojekt Zeitkapsel, das beständig weiterentwickelt wird und bei Gesprächspodien, Lesungen und Events als Videoprojektion zum Einsatz kommt.

 

Der Fokus richtet sich in den letzten Jahren immer wieder auf Dinge, die den verschiedenen Arbeitsfeldern einen roten Faden stiften. 2002 wurden vom Hochwasser bei Grimma angeschwemmte Dias als objet trouves zum Basismaterial für die Serie Cappuccetto Rosso. 2003-2004 wurde in der Serie Nelly in Weimar eine rosa Tasche zum Synonym für einen weiblichen Umgang mit Fragen nationaler Identität und ihren Symbolen. Die gleiche Tasche taucht ab 2011 im Projekt Die heiligen Berge wieder auf. 2009, 2014 und 2019 stand Der Revolutionstisch - Eine Soziale Plastik im Mittelpunkt. In Ausstellungen, Events und Installationen in der HALLE 14, der Nikolaikirche Leipzig und in der BStU-Außenstelle Leipzig wurde das Kunstwerk jeweils modifiziert präsentiert, hinterfragt und als historischer Zeitzeugenacker mit neuen Fragen gedüngt.

 

Die Dominanz der Dinge führte 2011 zur Arbeit an der Raumskulptur Ausflug der Laienspiel-gruppe in die Pelztierfarm nach Pau; in einem skulpturalen Crossover von Möbeln, Fotos, Werkzeug und anderen Fragmenten aus einem aufgelösten Sozialfeld kreisen hier die Assozia-tionen um Wohnraum als Selbstinszenierung, der Tarnkappe und Bloßstellung in einem ist.

 

Die Frage nach existentiellen Situationen mündete 2016 in das laufende street-art-Projekt Ich lasse dich nicht du segnest mich denn, das dem der Fotografie wesenseigenen Impuls der „Momentaufnahme für die Ewigkeit“ nachspürt und gleichzeitig den Gedanken der Portrait-fotografie weiter entwickelt.

 

Letzte umfassende Präsentationen: 2017 das Videotriptychon Matrix Luther im Stadtmuseum Erfurt und das in der „Runden Ecke“ (BStU-Außenstelle Leipzig) gezeigte Intermediale Ausstellungs -und Zeitzeugenprojekt An den Pontischen Hängen von Lebus, das zwischen Oktober 2019 und Januar 2020 fast 15.000 Besucher zählte.

 

Aktuell stehen pandemiebedingt internetbasierte Arbeiten im Zentrum, die mit den oben aufgeführten Werkgruppen verwoben sind.

 

Statement Edith Tar zu ihrer Arbeitsweise: „Wenn du den Autopiloten abschaltest, kannst du in jede x- beliebige Richtung fliegen".

 

Publikationen: Die Spur des Anderen* 1992 │Last Minute* 2000│ Cappuccetto Rosso 2003 │ Nelly in Weimar 2004│ Erwachen in Jerusalem* 2013 │Wir sind das Volk* 2014 │Fischers Fisch* 2017